Exkursion zu Friedhof und Synagoge Bad Rappenau-Heinsheim

Der kurze Fußweg zu dem etwas außerhalb der Stadt liegenden jüdischen Friedhof führt uns durch frische Natur. Zwischen Fünfmühlental und Heinsheimer Aussiedlerhöfen erreichen wir einen der größten und ältesten noch erhaltenen Judenfriedhöfe Deutschlands. Es handelt sich hier um einen Verbandsfriedhof, auf dem zeitweise 25 jüdische Gemeinden ihre Toten bestattet haben. Der Friedhof birgt insgesamt 1137 künstlerisch wie historisch wertvolle Grabsteine aus fünf Jahrhunderten, die mit zahlreichen Symbolen versehen sind. Am metallenen Eingangstor angekommen versperrt ein vom Sturm gefällter dicker Ast den Zugang – ein Zeichen des Himmels…? Er wäre kein erfahrener Begleiter, wenn Historiker Bernd Göller nicht den Zugang auf der Gegenseite kennen würde.

Schmiedeeisernes Eingangstor zum Heinsheimer Judenfriedhof

Historiker Bernd Göller

 

 

 

Der Verbandsfriedhof in Bad Rappenau-Heinsheim liegt im Gewann Schlierbach und hat eine Fläche von 107,64 Ar. Das annähernd längsrechteckige Grundstück erstreckt sich von Nordosten nach Südwesten und ist von einer Mauer umgeben. Der jüdische Friedhof war bereits im 16. Jahrhundert angelegt worden. Der älteste datierbare Grabstein, der heute auf dem Friedhof nachgewiesen werden kann, wurde für den 1598 verstorbenen Zwi Juda, Sohn des Mosche gesetzt (Grab Nr. 894). Ältester Grabstein von 1598

Nach jüdischem Religionsgesetz war ein Stück Land u.a. erst dann zum Friedhof geeignet, wenn es niemals bebaut oder bearbeitet gewesen war. Aus diesem Grund boten sich ausschließlich Flächen außerhalb der Ortschaften an. In der Zeit des Nationalsozialismus, in der auch hier bei Heinsheim alles jüdische Leben ausgelöscht und die meisten Zeugnisse jüdischer Kultur vernichtet wurden, sollte auch der Judenfriedhof eingeebnet und der landwirtschaftlichen Nutzung zugeführt werden. Zu diesem Zweck wurde 1944 ein Kaufvertrag abgeschlossen, der den Übergang des Friedhofs in den Besitz der politischen Gemeinde Heinsheim vorsah. Dieser wurde jedoch nicht ins Grundbuch eingetragen und die Gräber nicht angetastet. So blieb er dauerhaft ein „Haus der Ewigkeit“ und der Nachwelt – heute unter Denkmalschutz – zugänglich.

Teilblick auf den Friedhof

Exkursionsführer Göller erzählt zunächst sonst wenig Bekanntes über jüdische Trauerriten, vom „Schiwe-Sitzen“ bis zur „Heiligen Bruderschaft jener, die Taten der Barmherzigkeit vollbringen“. Auf dem Begräbnisplatz selbst entdeckt man auf einer spannenden Zeitreise einen unglaublichen Reichtum an Kunststilen und Symbolen. Der Grabexperte erläutert und erklärt, sie zu deuten und Manches auf eigene Faust zu entdecken. So z.B. die „Segnenden Hände“, die angeben, dass hier ein Abkömmling des zum Priestertum berufenen Aharon (Aron) ruht. Aufgabe des Priesters war es, mit erhobenen Händen den Priestersegen zu erteilen.

Symbol“Segnende Hände“

Oder der Wasserkrug, der das Grab eines Leviten bezeichnet. Die Leviten sind die Nachkommen des Stammes Levi und haben die Aufgabe, dem Priester vor Erteilung des Segens die Hände zu waschen.

Symbol Wasserkrug

Häufig verwendet auch der Judastern als allgemeines Symbol des Judentums.

Judastern

Über 95 Prozent der Heinsheimer Grabsteine sind aus Keupersandstein gefertigt und daher sehr stark der Verwitterung ausgesetzt.

Keupersandstein läßt die Gräber verwittern

Der wertvolle Friedhof Bad Rappenau-Heinsheim befindet sich heute im Eigentum der Israelitischen Religionsgemeinde Baden. (http://synagoge-heinsheim.de/judischer-friedhof-heinsheim/)

Mit dem Kleinbus war es ein Katzensprung zur ehemaligen Synagoge von Heinsheim. Sie wurde 1796 im Hugenottenstil erbaut. Heute erstrahlt sie wieder im alten Glanz. Grund dafür sind die Aktivitäten eines 2012 gegründeten Freundeskreises. Ein Kreis von Menschen aus Bad Rappenau, aber auch aus anderen Orten der näheren und weiteren Umgebung, hatte den Zustand der ehemaligen Synagoge Heinsheim besichtigt und sich die Rettung dieses Hauses zur Aufgabe gemacht. Nach Erwerb des Gebäudes wurde die Bausubstanz gesichert und die Instandsetzung begonnen. Inzwischen wurden Fenster und Portal fachmännisch ausgebaut und restauriert. Jetzt geht es an die Innengestaltung des Gebäudes, das künftig eine interreligiöse Begegnungsstätte für JudenChristen und Muslime werden soll.

Ehemalige Synagoge Heinsheim

Im Zuge der aktuellen Entwicklung hat sich in Heinsheim ein Phänomen aufgetan: Anonym aufgetaucht sind in der Gemeinde die seit 3 Generationen verschwundenen Säulen der Synagoge und weitere Relikte; selbst die Türschlossriegel samt Schloß und Schlüssel waren plötzlich wieder da und befinden sich inzwischen am Originalplatz. Für das „Wiedersehen“ nach 80 Jahren gibt es zwei Deutungen: Entweder hatten sich Unbefugte der Dinge angenommen oder aufrechte Bürger wollten das Andenken an jüdische Religion und Kultur bewahren… gk

Kontakt: Yvonne von Racknitz, Gundelsheimerstrasse 36, 74906 Bad Rappenau, Tel. 07264-808853